Diebstahl, Urkundenfälschung, Steuerhinterziehung ... Herforder Kerkerbücher berichten über ihre Insassen!

Tanja Klusmann stellte eine andere Art von genealogischer Forschungsquelle vor!

„Den Vortrag müssen wir unbedingt beim Ahnenforscher Stammtisch Unna haben!“, so Georg Palmüller vom Organisationsteam, der ihn beim Genealogie-Wochenende der Westfälischen Gesellschaft für Genealogie und Familienforschung in Freckenhorst im Münsterland verfolgte. „Kerkerbücher! Wer denkt denn an so etwas!“. Gesagt, getan. Am Donnerstag, dem 18. Juni 2026 präsentierte Tanja Klusmann von der Arbeitsgruppe Familienforschung Kreis Herford dieses außergewöhnliche Thema beim Online-Abend des Stammtisches auf Zoom.

 

Von Georg Palmüller

 

In der Ahnenforschung gräbt man gewöhnlich in alten Kirchenbüchern, Standesamtsregistern, Ortsfamilienbüchern oder Steuerlisten nach Informationen zu den eigenen Vorfahren. Was aber, wenn Vorfahren oder deren Familienmitglieder vielleicht eine Straftat begangen haben? In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es im Herforder Rathaus einen Kerker, in dem die missliebig Aufgefallenen inhaftiert wurden. Diese Fälle wurden in Kerkerbüchern dokumentiert und fielen Tanja Klusmann von der Arbeitsgruppe Familienforschung Kreis Herford auf. „Ich fand diese Aufzeichnungen so interessant und wollte sie der Öffentlichkeit zugänglich machen!“, so die Referentin. Aus dem Wunsch wurde Wirklichkeit. Die Arbeitsgruppe digitalisierte die Bände, indexierte sie und machte sie über eine Datenbank beim Verein für Computergenealogie (CompGen) für die Allgemeinheit kostenlos verfügbar.

 

In ihrem Online-Vortrag „Die Herforder Kerkerbücher aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts - eine etwas andere genealogische Forschungsquelle“ entführte sie ihr internationales Publikum in die „dunkle Unterwelt“ des Herforder Rathauses.

 

"Kerkerbücher! Wer denkt denn an so etwas!". Tanja Klusmann entführte ihr Online-Publikum in den "dunklen Untergrund".

Ihr Vortrag war hervorragend strukturiert in versprach schon im Vorfeld einen interessanten Onlineabend.


Wo befand sich der Kerker, über deren Insassen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Buch geführt wurde?

Vermutet wird der Kerker im Rathaus rechts im Bild unten rechts neben der Treppe zum Eingang.


Zunächst stellte Tanja Klusmann ihre Arbeitsgruppe vor und erläuterte ihre Aktivitäten. Es folgte eine zeitliche Einordnung über das Geschehen in der Welt zur Zeit der Kerkerbücher.

 

Über die Aufzeichnungen von „Essenslisten“ für eingekerkerte Straffällige ging es dann zu den Kerkerbüchern, die in Herford für die Jahre 1819 bis 1821, 1827 bis 1831 und 1833 bis 1834 erhalten geblieben sind. Besonders interessant und informativ sind die Auswertungen der in den Büchern zu den Insassen niedergeschriebenen Informationen wie Zahngesundheit oder Verhaftungsgründe nach männlichen und weiblichen Personen.

Die noch erhaltenen Kerkerbücher geben Zeugnis über diejenigen Menschen, die darin eingekerkert waren. Diese kamen nicht nur aus Herford, sondern von überall her.

Sehr aufschlussreiche Statistiken ergaben ein Gesamtbild, so wie hier die Verhaftungsgründe.


Die enthaltenen Personenbeschreibungen ergeben ein Bild über die  Insassen. Dazu bemühte die Referentin die künstliche Intelligenz (KI), um aufgrund der Beschreibungen ein Portraitbild zu erstellen. „Aber die Bilder sind mit Vorsicht zu genießen! Ob die Person wirklich so aussah, sei dahingestellt!“, meinte Tanja Klusmann.

Interessant auch die Verhaftungsgründe unterschieden nach männlichen und weiblichen Insassen, wo bei "sich widersetzt" wohl eine Domäne der Frauen war.

Eine tolle Idee! Aufgrund der Personenbeschreibungen KI-generierte Portraitbilder der Insassen erstellen zu lassen. Ob dieser Herr hier tatsächlich so aussah, sei dahingestellt.


Die Arbeit, die sich die Herforder Familienforschungsgruppe mit den Kerkerbüchern machte, begeisterte das Publikum. Nicht nur die Digitalisierung und Indexierung, sondern auch die statistische Auswertung der Informationen und das Zusammenspiel mit anderen Quellen wie zum Beispiel Ortsfamilienbüchern. Eine klasse Arbeit, die über eine Datenbank beim Verein für Computergenealogie für jeden Interessierten nutzbar ist.

Das Erfassungsprojekt der Arbeitsgruppe Familienforschung Kreis Herford ist wirklich eine großartige Leistung! 

Die Digitalisate sind indexiert und können über eine Datenbank beim Verein für Computergenealogie kostenlos durchsucht werden.


Ein Vortrag, der beim Publikum den Wunsch erweckte, in Kommunal- und Kreisarchive zu gehen und herauszufinden, welche Schätze dort noch für die eigene Familienforschung lagern. Wenn nicht gerade Kerkerbücher, vielleicht andere Aufzeichnungen, die die Vorfahren zum Leben erwecken. 

 

Wir möchten uns bei Tanja Klusmann nicht nur für diesen besonderen Onlineabend bedanken, sondern auch dafür, dass sie einer Aufzeichnung und Veröffentlichung ihres Vortrages auf dem YouTube-Kanal des Ahnenforscher Stammtisches Unna zustimmte.

 

Ahnenforschung gemeinsam erleben!