Evgenia Fuchs Rollheiser zeigte auf, wieviel Familiengeschichte in uns steckt und sorgte für eine Diskussion voller Emotionen!
Der Ahnenforscher Stammtisch Unna ist seit der Gründung vor fast 25 Jahren dafür bekannt, dass er gerne Referentinnen und Referenten einlädt, die Vorträge jenseits des genealogischen Standards anbieten. Beim 75. Deutschen Genealogentag in Frankfurt machten wir Bekanntschaft mit einer Frau, die sich erfolgreich in einer besonderen Art und Weise mit der Familiengeschichte auseinandersetzt. Evgenia Fuchs Rollheiser, wohnhaft an der Costa del Sol in Spanien beschäftigt sich mit den Spuren, die unsere Familiengeschichte in uns hinterlässt.
Von Georg Palmüller
Der Vortragstitel „Wieviel Familiengeschichte steckt in uns? Das emotionale Erbe unseres Stammbaums verstehen - und wie es unser Denken, Fühlen und Handeln bis heute prägt“ machte in der Ankündigung viele Ahnenforscherinnen und Ahnenforscher neugierig und so erreichte die Zahl der Interessierten im Zoom-Meeting-Raum des Ahnenforscher Stammtisches Unna fast die maximal mögliche Zahl von 100 Teilnehmenden.
Evgenia Fuchs Rollheiser aus Spanien sorgte für einen besonderen Vortragsabend.
„Es ist längst wissenschaftlich nachgewiesen, dass nicht nur unsere Gene, sondern auch die Erinnerungen unserer Vorfahren in uns weiterleben.“, so die Referentin, deren Vorfahren Wolgadeutsche waren. Ihre Eltern siedelten von Kasachstan über Moldawien nach Deutschland um. Aus eigener Erfahrung stellt sie fest, dass auch sie „immer in der Umsiedlung“ ist. Letztendlich landet sie an der Costa del Sol in Spanien.
Die Erlebnisse unserer Großeltern und Eltern, ihre Lebensgeschichten, ihr Verhalten, ihre Emotionen und ihre Charaktereigenschaften stecken heute noch in uns und prägen unser Denken, Fühlen und Handeln. Dabei beeinflussen drei Faktoren unsere Persönlichkeit: zu 30 bis 60% unsere Gene, die gemeinsame Familienumwelt sowie Lebensereignisse und Erlebnisse wie Trauma, Freunde, Schule, Kultur.
Dass diese nicht nur positive, sondern auch belastende Eigenschaften mit sich bringen, liegt auf der Hand. Litten unsere Vorfahren zum Beispiel unter Flucht und Vertreibung, dem Verlust von Heimat, Sicherheit und Zugehörigkeit, kann das mögliche Folgen für uns selbst haben, die sich beispielsweise in einem starken Bedürfnis nach Kontrolle oder Sicherheit, einer übermäßigen Anpassung oder Perfektionismus, einem instabilen Selbstwertgefühl oder einem Gefühl der inneren „Entwurzelung“ äußern. Oft aus unbewusster Loyalität zu den Ahnen verspürt man den Drang, umzuziehen, Neues zu beginnen oder sogar auszuwandern.
Der Vortragstitel versprach einen hoch interessanten Abend und sorgt für einen "fast ausverkauften" Zoom-Meeting-Raum.
Evgenia Fuchs Rollheiser hatte ihren Vortrag in sechs Punkte gegliedert.
Eine Erkenntnis, in der sich viele Teilnehmende am Online-Vortragsabend wiederfanden. Im Chat zum Zoom-Meeting äußerten sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer schon zu diesem Zeitpunkt über Gefühle, Angstzustände und Verhaltensweisen, die sie selbst ihr Leben lang begleiten und belasten. Im Rahmen ihrer familiengeschichtlichen Forschungen fanden sie in den Lebensgeschichten ihrer Vorfahren Ereignisse, die sich in der heutigen Zeit in ihnen widerspiegeln.
"Unsere Familiengeschichte lebt in uns weiter". Die Wirkung ist aber oft belastender Art. Wobei wir selbst steuern können, wie die Geschichte auf uns wirkt.
Drei Faktoren, die unsere Persönlichkeit beeinflussen.
Evgenia Fuchs Rollheiser hat sich nicht nur mit diesem Thema beschäftigt, sondern sich zum Ziel gesetzt, Menschen in der Auseinandersetzung mit ihrem trans-generationalen Erbe, zwischen epigenetischer Prägung, familiären Mustern und unbewusster Weitergabe zu begleiten. Ihre Arbeit verbindet psychologische Beratung, systemisches Denken und intuitive Prozessbegleitung. Neben ihrer Einzelarbeit konzipiert sie Gruppenformate, Online-Angebote und kreative Räume zur Selbstklärung - mit Tiefe, Struktur und menschlicher Wärme.
Warum sie dies tut? „Jeder Mensch ist in der Lage, ein belastendes Erbe aufzubrechen und zu ‚überschreiben‘, um aus negativen Verhaltensmustern herauszukommen!“, so die Referentin. Dazu brachte Sie auch eine Reflexionsübung für den Teilnehmerkreis mit, den sie „ 3 x 3“ nennt. Zunächst sollten die Interessierten Ereignisse, Konflikte und Charaktereigenschaften notieren, die sich in ihrer Familie wiederholen und sich dann fragen, warum dies so passiert sein könnte, wozu es gedient hat und was vielleicht an Gutem darin steckt und „Was ich heute anders leben möchte“. Dazu gab sie den Teilnehmenden einige Minuten Zeit, dies für sich zu überdenken.
Litten unsere Vorfahren durch Flucht und Vertreibung, kann der Verlust von Heimat, Sicherheit und Zugehörigkeit heute auf uns noch Folgen haben, die sich auf verschiedenste Art und Weise äußern.
Die Referentin gab dem Teilnehmerkreis Zeit zur Reflexion.
Im Anschluss an ihren Vortrag rief sie zu einer Frage- und Diskussionsrunde auf, die es in dieser Form noch nie bei einer genealogischen Veranstaltung des Ahnenforscher Stammtisches Unna gab! Der Vortrag öffnete im Teilnehmerkreis alle Schleusen und zahlreiche Teilnehmende öffneten sich und offenbarten ihre Ängste, ungewöhnliche belastende Verhaltensweisen und Eigenschaften, die sie durch die Erforschung der Lebensgeschichten ihrer Vorfahren in sich selbst wiederfinden.
Es entwickelte sich eine sehr persönliche Diskussion, zu deren Beiträgen Evgenia Fuchs Rollheiser Stellung nahm und die Teilnehmenden sich durch ihre Offenheit noch näher kennenlernten.
„Wichtig dabei ist, dass man weiß, dass man mit dem auch belastenden Erbe seines Stammbaums nicht allein ist. Dass es auch andere Menschen gibt, mit denen man das Schicksal teilt!“, so die Referentin. Auch, dass man selbst daran arbeiten kann, dieses belastende Erbe zu „überschreiben“ und so loszuwerden.
Ein Teilnehmer schrieb im Chat:
„Das war einer der spannendsten und wichtigsten Vorträge, an die ich mich erinnere. Ich möchte Evgenia Fuchs danken und allen, die sich getraut haben, ihre Lage zu schildern. Ein sehr, sehr wichtiger Abend! Danke!“
Dem ist nichts hinzuzufügen!
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